Tageslosung

Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Gedanken zum Monatsspruch Mai 2018
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Den Zweifel bejahen

„Doppelte Verneinungen können die meisten Leser logisch nicht bewältigen“, schreibt der Deutsch-Stilkundler Wolf Schneider und hätte noch ein wenig einfacher formulieren können: „Eine doppelte Verneinung können die wenigsten Leute positiv übersetzen.“ Auch der Hebräerbrief hätte es einfacher sagen können, aber wie und mit welchen Worten?
Die erste Möglichkeit wäre, verständliche Wörter zu wählen: „Glaube ist Vertrauen in das, was man nicht sieht.“ Das leuchtet religiösen Menschen ein. Glaube ist nicht Wissen und darum auch dem Sehen entzogen. So ist das ja auch mit den Dingen, an die wir unser Herz hängen. Die kann man nur bedingt sehen. Die Liebe bleibt unsichtbar, nicht aber der Mensch, der liebt und geliebt wird. Vertrauen an sich ist nicht zu greifen, aber ich sehe wie Menschen von Angst ergriffen werden oder wie sie Herausforderungen mutig angehen. 
Die zweite Möglichkeit ist, der doppelten Verneinung mit fester Zuversicht zu begegnen und beide Verneinungen wegzulassen: „Glauben ist ein Zweifeln an dem, was man sieht.“ Damit gehe ich einen Schritt weiter. Denn ich vermute, dass Paulus im Grunde nicht zwei gleichbedeutende Sätze nebeneinandergestellt hätte. Er will vermutlich mehr. Wenn der Glaube sich nicht mit dem abfindet, was man sieht, dann verliert das Wort „Zweifel“ seinen negativen Beigeschmack. Dann ist er kein Zeichen von Unsicherheit, Unkenntnis oder einem Kleinglauben. Eher versteht sich ein zweifelnder Glaube darin, dass er die sichtbaren Dinge in Frage stellt.
Erleuchtet glauben ist mehr zu sehen, als uns vor Augen steht. Humorvoller Glaube sieht die Dinge in einem neuen Licht und lacht plötzlich herzhaft. Ich glaube, tröstlich ist einander fest in den Arm zu nehmen, weil manches seine Zeit braucht bis es wirkt. In den Morgen gehen, auch wenn erst noch eine dunkle Nacht wartet. Da steht zuversichtlicher Glauben auf.
Ich will widerständig glauben, denn was uns alltäglich vor Augen liegt, das können wir dennoch ändern. Genau darum engagieren wir uns heute als Kirche für die Gesellschaft von morgen. Denn ich will nicht einfach glauben im Sinne von Nicht-ändern-können; oder einfacher und positiv formuliert: Ich will mit gutem Grund daran zweifeln, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Ich glaube, dass Leben mit Gott anders werden kann. Darum ist Glauben immer auch ein Zweifeln an dem, was ich ohnmächtig hinnehme und trostlos sein lasse oder mutlos aufgegeben habe. Ich will nicht mehr doppelt verneinen, sondern zweifach ermutigen: Glauben ist eine feste Zuversicht und ein Zweifeln an dem, was vor Augen ist.  

Pfarrer Lars Hillebold, Kassel